Restwerte von Elektrofahrzeugen, automatisches ABS und die neuen Regeln der Automobilfinanzierung
- Paul Bennett

- vor 6 Tagen
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Während die Automobilindustrie die Elektrifizierung vorantreibt, findet an den Kapitalmärkten eine weniger bedeutende Diskussion statt: Wie sich die Restwerte von Elektrofahrzeugen (EV) auf die mit Automobil-ABS besicherten Wertpapiere auswirken.
Seit Jahrzehnten bildet das ABS-System für Fahrzeuge das finanzielle Rückgrat der Fahrzeugfinanzierung und ermöglicht es Banken, herstellereigenen Finanzierungsgesellschaften und Kreditgebern, große Mengen an Autokrediten und Leasingverträgen effizient zu finanzieren. Doch die Volatilität des Marktes für Elektrofahrzeuge, die sich verändernde Nachfrage nach Gebrauchtwagen und der rasante technologische Wandel stellen langjährige Annahmen zur Prognose des Restwerts von Fahrzeugen in Frage.
Für Investoren und Kreditgeber gleichermaßen ist die Schlüsselfrage nicht mehr nur, wie viele Fahrzeuge finanziert werden, sondern wie genau ihr zukünftiger Wert vorhergesagt werden kann.
Was Auto-ABS eigentlich ist
Mit Auto-Asset-Backed Securities (Auto-ABS) können Finanzgesellschaften Portfolios von Fahrzeugkrediten oder Leasingverträgen in handelbare Anleihen umwandeln.
Tausende von Verträgen – wie Autokredite, Leasingverträge oder PCP-Verträge – werden in einem Portfolio gebündelt und an eine Zweckgesellschaft (SPV) übertragen. Diese Gesellschaft gibt Anleihen an Investoren aus, die Zins- und Tilgungszahlungen erhalten, die durch die monatlichen Raten der Fahrer finanziert werden.
Diese Struktur ist sowohl für Emittenten als auch für Investoren von Vorteil.
Für Kreditgeber bietet die Verbriefung im Automobilfinanzierungsbereich folgende Vorteile:
Sofortige Finanzierung aus ansonsten illiquiden Krediten
Zugang zu Kapitalmärkten zu wettbewerbsfähigen Kosten
Diversifizierte Finanzierung jenseits traditioneller Banklinien
Für Investoren waren Auto-ABS in der Vergangenheit attraktiv, da die Rückzahlungsmuster für Fahrzeugkredite vorhersehbar waren und die Verluste traditionell niedrig ausfielen.
Vereinfacht ausgedrückt ermöglicht Auto-ABS die effiziente Abwicklung von groß angelegten Fahrzeugfinanzierungen auf den globalen Märkten.
Warum Restwerte wichtig sind
Der Restwert (RV) bezeichnet den Wert, den ein Fahrzeug voraussichtlich am Ende eines Finanzierungsvertrags haben wird.
Bei Leasing- oder PCP-Verträgen prognostizieren die Kreditgeber den zukünftigen Wert des Fahrzeugs, um die monatlichen Raten und die Schlussrate zu bestimmen.
Wenn die Prognosen zutreffen, kann das Fahrzeug nahe dem erwarteten Preis weiterverkauft werden. Sollte sich die Prognose jedoch als zu optimistisch erweisen, müssen die Kreditgeber das Fahrzeug unter Wert verkaufen – und den Verlust über große Fahrzeugportfolios hinweg tragen.
Für große Leasinggesellschaften, die Millionen von Fahrzeugen verwalten, können bereits kleine Prognosefehler erhebliche finanzielle Auswirkungen haben.
Das Restwertrisiko spielt daher eine wichtige Rolle bei der Verbriefung von Autofinanzierungen, insbesondere wenn diese Fahrzeuge als Sicherheiten für ABS-Strukturen dienen.
Warum Restwerte von Elektrofahrzeugen schwerer vorherzusagen sind
Elektrofahrzeuge haben neue Unsicherheiten hinsichtlich des Wiederverkaufswerts und der Abschreibungsmuster von Elektrofahrzeugen mit sich gebracht.
Mehrere Faktoren treiben diese Volatilität an:
Rasante Technologieentwicklung: Jede neue Generation von EV-Batterien, Reichweitenverbesserungen und Software-Upgrades kann dazu führen, dass ältere Modelle schneller an Wert verlieren als herkömmliche Fahrzeuge.
Preisänderungen der Hersteller: Wenn OEMs die Preise für Elektrofahrzeuge senken oder kostengünstigere Modelle auf den Markt bringen, ziehen die Preise für gebrauchte Elektrofahrzeuge oft nach.
Änderungen bei Politik und Subventionen: Staatliche Anreize beeinflussen die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen maßgeblich. Bei plötzlichen Änderungen der Subventionen können sich die Marktpreise für gebrauchte Elektrofahrzeuge rasch verändern.
Verbraucherwahrnehmung und Infrastruktur: Bedenken hinsichtlich Batterielebensdauer, Ladeinfrastruktur, Versicherung und Reparaturkosten beeinflussen weiterhin die Nachfrage nach gebrauchten Elektrofahrzeugen.
Das Ergebnis ist eine größere Streuung der Wiederverkaufswerte von Elektrofahrzeugen, was die Restwertmodellierung für Kreditgeber und Investoren deutlich komplexer macht.
Warum ABS-Investoren genauer hinschauen
Aufgrund dieser Unsicherheit stellen Investoren in den Märkten für forderungsbesicherte Wertpapiere im Bereich der Autofinanzierung detailliertere Fragen zu Fahrzeugportfolios.
Zu den wichtigsten Schwerpunkten gehören:
Portfoliotransparenz
Investoren wünschen sich Klarheit über die Zusammensetzung folgender Elemente:
Batterieelektrische Fahrzeuge (BEVs)
Plug-in-Hybridfahrzeuge (PHEVs)
Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor
Sie untersuchen außerdem Modelltypen, geografische Verbreitung und Fahrzeugalter.
Annahmen zum Restwert
Investoren stellen zunehmend die Frage, ob:
Die Restwerte von Elektrofahrzeugen basieren auf Echtzeitdaten des Gebrauchtfahrzeugmarktes.
Die Prognosen spiegeln die Volatilität der Wertminderung von Elektrofahrzeugen wider.
Die Restannahmen werden regelmäßig aktualisiert.
Strukturelle Schutzmaßnahmen
Manche Verträge beinhalten mittlerweile zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen wie zum Beispiel:
Höhere Kreditverbesserung
Reservepuffer für Portfolios mit hohem Anteil an Elektrofahrzeugen
Leistungsauslöser, die Anleger schützen, wenn Verluste zunehmen
Emittenten, die transparente Daten und konservative Annahmen liefern, bleiben weiterhin auf großes Interesse bei Investoren. Diejenigen, denen dies nicht gelingt, müssen mit höheren Finanzierungskosten oder einer geringeren Marktnachfrage rechnen.
Die neuen Finanzierungsprioritäten für Autokreditgeber
Der Aufstieg der Elektrofahrzeuge bedeutet nicht, dass die Märkte für ABS-Transaktionen im Automobilsektor schrumpfen – die Emissionstätigkeit bleibt hoch. Doch die Erwartungen der Kapitalmärkte verändern sich.
Erfolgreiche Emittenten konzentrieren sich zunehmend auf drei Prioritäten.
Stärkere Restwertsteuerung durch Verwendung detaillierter Daten, Anwendung von Puffern für volatile EV-Modelle und Einbeziehung von Risiko- und Remarketing-Teams in Restwertentscheidungen.
Strategisches Management des EV-Engagements: Viele Kreditgeber entscheiden aktiv darüber, wie viel EV-Engagement sie in ABS-Pools aufnehmen, anstatt die Portfolios passiv entwickeln zu lassen.
Transparente Kommunikation mit Investoren: Investoren erwarten einfache Erklärungen darüber, wie das Restwertrisiko von Elektrofahrzeugen gemessen und gesteuert wird, untermauert durch klare Daten und Stresstests.
Der neue Test für die Automobilfinanzierung
Auto-ABS ist nach wie vor eine der effizientesten Methoden zur Fahrzeugfinanzierung weltweit. Der Übergang zur Elektromobilität verändert jedoch die Art und Weise, wie die Kapitalmärkte Kreditgeber bewerten.
Historisch gesehen waren Umfang und Produktionsvolumen die wichtigsten Indikatoren für Stärke.
Heutzutage beurteilen Investoren Emittenten zunehmend danach, wie gut diese das Restwertrisiko verstehen und managen.
In einer Welt, in der die Wertminderungskurven von Elektrofahrzeugen weiterhin ungewiss sind, besteht der entscheidende Unterschied nicht mehr nur darin, mehr Autos zu finanzieren – sondern darin, genau vorherzusagen, was diese Autos bei Vertragsende noch wert sein werden.
Für alle, die sich mit Automobilfinanzierungsmärkten, Restwerten von Elektrofahrzeugen oder der Verbriefung von Autos beschäftigen, könnte dieser Wandel die nächste Phase der Branche prägen.



