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Warum der Kundendienst der am meisten unterschätzte Wachstumsmotor in der Automobilindustrie ist

  • Autorenbild: Paul Bennett
    Paul Bennett
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Die ökonomischen Zusammenhänge des Automobilhandels werden oft missverstanden.

Der Kundendienst wird häufig als unterstützende Funktion des Fahrzeugverkaufs betrachtet. In Wirklichkeit ist er das Gegenteil.


Der Kundendienst trägt typischerweise rund 50 Prozent zum Bruttogewinn eines Autohauses bei , obwohl er nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes ausmacht. In einem Markt, in dem die Gewinnmargen bei Neuwagen auf niedrige einstellige Werte gesunken sind und die Gebrauchtwagenpreise weiterhin stark schwanken, ist der Werkstatt- und Teilehandel kein Nebengeschäft.


Es ist der Motor des Gewinns.


Für nationale Vertriebsgesellschaften und OEM-Distributoren ist der Kundendienst von noch größerer Bedeutung. Er bildet die Grundlage für die Rentabilität des Vertriebsnetzes, die Erreichung der Ersatzteilmarktziele, die Gewährleistungsabwicklung und die allgemeine Stärke der Markenbeziehung.


Wenn Kunden das autorisierte Netzwerk verlassen, sind die Auswirkungen unmittelbar und messbar:

  • Rückgang der Teilemengen

  • Verlust von Garantie- und Servicedaten

  • Schwächung der langfristigen Kundenbeziehung


Und in den meisten Fällen ist dieser Verlust dauerhaft.


Der Wettbewerbsdruck nimmt zu.

Der unabhängige Ersatzteilmarkt wächst nicht nur, er wird auch leistungsfähiger und zugänglicher.


Regulatorische Änderungen im Rahmen des SERMI-Rechts auf Reparatur haben den Zugang zu technischen Daten erweitert. Gleichzeitig konkurrieren Schnellreparaturketten und freie Werkstätten aggressiv über Preis und Komfort.


Autorisierte Netzwerke bieten nach wie vor klare Vorteile:

  • Vom Hersteller geschulte Techniker

  • Originalteile

  • Garantiegedeckter Service

  • Starke Markenassoziation

Diese Vorteile sind für den Kunden jedoch nicht immer ersichtlich. Ohne aktives Engagement greifen Kunden standardmäßig auf Bequemlichkeit zurück. Und wenn ein Kunde sich für seinen ersten Service nach Ablauf der Garantie für einen unabhängigen Anbieter entscheidet, ist es statistisch gesehen unwahrscheinlich, dass er zurückkehrt.


Die Loyalitätslücke: Wo die Kundenbindung versagt

Der kritischste Moment im After-Sales-Prozess ist der Übergang nach Ablauf der Garantie. Während der Garantiezeit sind Kunden strukturell an das autorisierte Händlernetz gebunden. Ihr Verhalten ist vorhersehbar, und die Kundenbindung erfolgt weitgehend automatisch. Sobald die Garantie abgelaufen ist, ist der Kunde unabhängig. Genau hier verlieren die meisten Unternehmen die Kontrolle.


Viele After-Sales-Teams versuchen, Kunden durch folgende Maßnahmen zu binden:

  • Serviceerinnerungen

  • TÜV-Benachrichtigungen

  • Rückrufkampagnen


Doch in der Realität sind diese Bemühungen oft reaktiv, uneinheitlich und schlecht getimt. Eine Erinnerung, die erst eintrifft, nachdem der Kunde bereits woanders gebucht hat, ist keine Strategie.


Es ist ein Beweis für einen fehlerhaften Prozess.


Der Maßstab ist das eigentliche Problem

Für Händlergruppen, die mit mehreren Marken und Standorten agieren, liegt die Herausforderung nicht im Bewusstsein, sondern in der Umsetzung. Die Verwaltung Tausender Fahrzeuge in verschiedenen Lebenszyklusphasen lässt sich nicht manuell und konsistent bewältigen. Das Ergebnis sind nicht nur gelegentliche Verluste.


Es ist ein systematisches Problem. Die Kunden wandern nicht ab, weil sie illoyal sind. Sie wandern ab, weil es kein zuverlässiges System gibt, um sie zum richtigen Zeitpunkt anzusprechen.


Der Kundenlebenszeitwert verändert die Gleichung.

Der Customer Lifetime Value (CLV) revolutioniert den Kundendienst. Anstatt jeden Besuch als Transaktion zu betrachten, sieht der CLV die gesamte Kundenbeziehung als kontinuierliche Partnerschaft.


Dieser Verlauf ist höchst vorhersehbar:

  • Erster Service

  • Jährliche Wartungszyklen

  • Meilensteine der Hauptuntersuchung

  • Reifenwechsel

  • Bremsenverschleiß und Verbrauchsmaterialien


Jeder dieser Punkte ist im Voraus bekannt.

Jeder Kontaktpunkt generiert Umsatz und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, die Kundenbeziehung zu stärken. Beim CLV geht es darum, den Kunden genau zum richtigen Zeitpunkt mit einer Kommunikation anzusprechen, die auf sein spezifisches Fahrzeug und dessen Nutzung zugeschnitten ist.


Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Kundenbindung

Der Unterschied zwischen einem gehaltenen und einem verlorenen Kunden ist nicht geringfügig. Er verstärkt sich mit der Zeit. Ein gehaltener After-Sales-Kunde schafft Mehrwert in vielerlei Hinsicht:


  • Einnahmen aus laufender Dienstleistung und Wartung

  • Zukünftiger Fahrzeugkauf

  • Finanz- und Versicherungsprodukte

  • Inzahlungnahmemöglichkeiten

  • Empfehlungen in das Netzwerk


Im gesamten Fahrzeugbestand kann sich dies auf einen Kundenwert von Tausenden pro Kunde über die gesamte Kundenlebenszeit auswirken .

Kundenbindung bedeutet nicht nur operative Effizienz, sondern auch langfristige Rentabilität.


Der Kundendienst ist das eigentliche Markenerlebnis

Für die meisten Kunden ist die Werkstatt der häufigste Kontaktpunkt mit der Marke. Nicht der Ausstellungsraum. Nicht das Marketing. Sondern das Serviceerlebnis.


Hier werden Markenversprechen auf die Probe gestellt:

  • Zuverlässigkeit

  • Qualität

  • Vertrauen

  • Sachverstand

Aftersales beschränkt sich nicht nur auf die Wartung von Fahrzeugen. Es geht darum, die Marke zu stärken oder zu schwächen.


Das DMS-Datenproblem

Jedes Autohaus verfügt bereits über die zur Lösung dieses Problems benötigten Daten. Im Händlerverwaltungssystem sind folgende Daten enthalten:

  • Kundendatensätze

  • Fahrzeugservicehistorie

  • Reparaturaufträge

  • Offener Wartungsbedarf


Theoretisch bietet dies einen umfassenden Überblick über die Möglichkeiten im Aftersales-Bereich.In der Praxis wird es jedoch selten effektiv genutzt.


Die meisten Händlergruppen setzen nach wie vor auf Folgendes:

  • Manuelle Datenextraktion

  • Tabellenbasierte Nachverfolgung

  • Ad-hoc-Kundenansprache


Dies führt zu vorhersehbaren Problemen:

  • Der Kontakt erfolgt zu früh oder zu spät

  • Große Kundensegmente werden komplett vernachlässigt.

  • Die Kommunikation ist allgemein gehalten, nicht personalisiert.


Für OEMs und NSCs stellt dies eine zusätzliche Herausforderung dar. Ohne strukturierte Daten lässt sich die Kundenbindung nicht korrekt messen. Und was nicht messbar ist, kann nicht verbessert werden.


Die Technologie verändert das Modell

Die Lösung liegt nicht in mehr manuellem Aufwand, sondern in einer besseren Datennutzung. Moderne Aftersales-Plattformen integrieren sich heute direkt in DMS-Systeme und externe Datenquellen und ermöglichen so die Echtzeit-Auswertung von Kunden- und Fahrzeugdaten.


Diese Systeme können:

  • Automatische Erkennung zukünftiger Servicebedürfnisse

  • Ungelöste Probleme aus früheren Besuchen erkennen

  • Den optimalen Zeitpunkt für das Engagement vorhersagen

  • Personalisierte Kommunikation über digitale Kanäle hinweg bereitstellen


Das Prinzip ist einfach: Echtzeit-Einblicke, kein manueller Aufwand, intelligentere Kundenansprache. Das ist keine Theorie, sondern wird bereits in zahlreichen Märkten erfolgreich umgesetzt.


Wie Ergebnisse in der Praxis aussehen

Datengestützte Kundenbindung im Aftersales-Bereich liefert messbare Ergebnisse bei verschiedenen Händlergruppen:

  • Führender britischer Automobilkonzern meldet zweistelliges Wachstum bei Service- und TÜV-Absatz.

  • Britische Tier-2-Gruppe erzielt nach DVLA-Datenintegration 15-prozentige Steigerung der MOT-Umstellung

  • Nordische Händlergruppe erreicht Servicebuchungs-Konversionsraten von 25 bis 30 Prozent

  • Norwegische unabhängige Reparaturgruppe verdoppelt Buchungen im Vergleich zum Vorjahr

  • Niederländischer Automobilkonzern verzeichnet 10 Prozent mehr qualifizierte Leads


Diese Ergebnisse beweisen eines ganz klar: Die Hindernisse sind nicht mehr technischer Natur.


Sie sind organisatorischer Natur.


Kunden fürs Leben

Kundenbindung nach dem Kauf führt letztendlich zu einem Ergebnis: langfristiger Kundentreue. Ein Kunde, der regelmäßig relevante und zeitlich passende Unterstützung erhält, ist deutlich eher geneigt:

  • Für ihr nächstes Fahrzeug kehren sie zurück

  • Finanzprodukte erneut nutzen

  • Bleiben Sie innerhalb desselben Händlernetzwerks.

  • Empfehlen Sie die Marke weiter.


Das ist das „Kunde-für-das-Leben“-Modell. Und es entsteht in der Werkstatt, nicht im Ausstellungsraum.

Der Übergang zur Elektromobilität erhöht den Druck

Elektrofahrzeuge verändern die Wirtschaftlichkeit des Kundendienstes. Weniger bewegliche Teile bedeuten weniger natürliche Servicekontaktpunkte:

  • Keine Ölwechsel

  • Weniger mechanische Ausfälle

  • Geringerer Wartungsaufwand


Dadurch verringern sich die Möglichkeiten zur Kundenbindung. Was übrig bleibt, gewinnt an Bedeutung:

  • Reifenverschleiß

  • Bremsenwartung

  • Batteriezustandsprüfung


Diese Interaktionen müssen nun gezielt gesteuert werden. Ohne eine strukturierte Kundenbindungsstrategie werden die Kundenbeziehungen mit der Zeit schwächer.


Der endgültige Wettbewerbsvorteil

Da OEMs verstärkt auf Direktvertrieb setzen und digitale Zwischenhändler expandieren, schwinden die traditionellen Vorteile der Händler. Der Kundendienst bleibt einer der wenigen Bereiche, in denen sich Wettbewerbsvorteile noch verteidigen lassen.


Die Händler haben noch:

  • Physische Infrastruktur

  • Serviceverlaufsdaten

  • Etablierte Kundenbeziehungen


Dieser Vorteil entsteht jedoch nicht automatisch. Er muss aktiv gesteuert und konsequent umgesetzt werden.


Fazit: Eine Führungsentscheidung

Kundenbindung im Aftersales-Bereich ist keine Nebensache. Sie ist der zentrale Hebel für den Erfolg im Automobilhandel. Die Daten sind vorhanden. Die Technologie ist vorhanden. Die Chance ist offensichtlich. Nun muss die Führungsebene entscheiden: Soll der Kundenlebenszeitwert als strategische Priorität behandelt oder der Aftersales-Bereich weiterhin als operative Aufgabe gesteuert werden? Denn im heutigen Markt gilt:


Kundenbindung ist nicht nur wichtig.

Es ist von entscheidender Bedeutung.

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