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Die europäische Automobil-Kreuzung: Tradition, Elektrifizierung und die chinesische Herausforderung

  • Autorenbild: Paul Bennett
    Paul Bennett
  • 11. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Während sich Europa dem Jahr 2026 nähert, sieht sich die Automobilindustrie, die der Welt den Käfer, den Mini und den E-Type beschert hat, mit einem beispiellosen strukturellen Umbruch konfrontiert.

Elektrifizierungsvorschriften, technologischer Fortschritt, Chinas Expansion und veränderte Verbraucherstimmung treffen aufeinander. Die Frage ist nicht mehr, ob der Wandel kommt, sondern ob er tatsächlich kommt. Die Frage ist, ob europäische Hersteller sich schnell genug anpassen können, um global wettbewerbsfähig zu bleiben.

Das Ende des europäischen Exzeptionalismus

Jahrzehntelang setzten europäische Automobilhersteller weltweit Maßstäbe in Technik, Leistung und Design. Heute ist diese Vormachtstellung nicht mehr selbstverständlich.

Chinesische Hersteller von Elektrofahrzeugen können nun:

  • Deutsche Marken im Technologiebereich

  • Im Bereich Design mit italienischen Marken konkurrieren

  • Innovationen in großem Umfang bereitstellen

  • Unterbietung europäischer Preise

Moderne chinesische Fahrzeuge werden zunehmend:

  • Softwaregesteuert

  • Funktionsreich

  • Schnell entwickelt

  • Wettbewerbsfähiger Preis

Wenn Marken wie BYD, XPENG, MG oder Polestar gleichwertige oder überlegene Funktionalität zu geringeren Kosten anbieten, stehen die europäischen Hersteller vor einer schwierigen Frage:

Was unterscheidet sie?

Tradition, Emotionen und Markenvermächtnis bleiben starke Vermögenswerte. Es bleibt jedoch ungewiss, ob immaterielle Werte allein in einem kostenoptimierten globalen Markt Absatzvolumen und Rentabilität sichern können.

Die regulatorische Zwangsjacke

In Europa gelten die weltweit strengsten Abgasnormen für Kraftfahrzeuge.

Das für 2035 geplante Verbot des Verkaufs neuer Benzin- und Dieselfahrzeuge rückt näher als zehn Jahre. Die Hersteller müssen:

  • Die strengeren CO2-Flottenziele einhalten

  • Vermeiden Sie erhebliche Strafen wegen Nichteinhaltung.

  • Milliarden in Elektrifizierungsplattformen investieren

  • Lieferketten umstrukturieren

Unterdessen profitieren die chinesischen Wettbewerber von Folgendem:

  • Niedrigere Arbeits- und Energiekosten

  • Bedeutende staatliche oder regionale Unterstützung

  • Integrierte Batterielieferketten

  • Schnellere Produktentwicklungszyklen

Europäische OEMs sind gezwungen, ihre industrielle Basis grundlegend zu verändern, während sie gegen strukturell überlegene Konkurrenten bestehen.

Manche werden sich anpassen. Andere nicht.

Das britische Paradoxon

Die britische Automobilindustrie erlebte im späten 20. Jahrhundert einen Niedergang, bevor sie unter ausländischer Führung wieder an Fahrt gewann. Der Brexit legte die Fragilität dieses Modells offen und führte zu Komplikationen in Lieferketten und Investitionsströmen.

Die Produktionsmengen in Großbritannien befinden sich derzeit auf einem Tiefstand seit mehreren Jahrzehnten.

Dennoch behält Großbritannien seine globale Führungsrolle in folgenden Bereichen:

  • Kfz-Ersatzteilservice

  • Oldtimer-Restaurierung

  • Motorsport-Ingenieurwesen

  • Luxus- und Maßanfertigung

Marken wie McLaren, Aston Martin und Morgan beweisen, dass auch kleine, hochwertige Spitzenleistungen nach wie vor rentabel sein können.

Die zukünftige Positionierung Großbritanniens im Automobilsektor liegt möglicherweise weniger in der Massenproduktion, sondern vielmehr darin, zur „Savile Row“ der Automobilhandwerkskunst zu werden.

Das deutsche Dilemma

Deutschland steht vor den größten strukturellen Spannungen.

Seit Generationen stehen deutsche Marken für automobile Exzellenz:

  • Mercedes-Benz symbolisierte Ingenieurskunst

  • BMW setzte sich für Fahrdynamik ein.

  • Volkswagen lieferte skalierbare industrielle Präzision

Das Wettbewerbsparadigma hat sich jedoch verschoben.

Die Softwareleistung ist heute genauso wichtig wie die Fahrwerksgeometrie. Chinesische Hersteller können neue Modelle in nur 18 Monaten entwickeln, während traditionelle europäische Produktzyklen oft fünf Jahre umfassen.

Die Elektrifizierungsstrategie des Volkswagen-Konzerns verdeutlicht diese Herausforderung. Trotz erheblicher Investitionen konnte die ID-Baureihe die kulturelle Resonanz der älteren Verbrennermodelle nicht erreichen.

Das Elektrofahrzeugportfolio von Mercedes-Benz ist technologisch überzeugend, jedoch wirtschaftlich eingeschränkt.

Die Neue-Klasse-Plattform von BMW bietet neue Dynamik, aber auch sie muss profitable Verbrennungsmotorenmodelle gegen verlustbringende Investitionen in Elektrofahrzeuge abwägen.

Das traditionelle deutsche Modell – ingenieurtechnisch orientiert, qualitätsbesessen und im Premiumsegment positioniert – sieht sich einem Veränderungstempo gegenüber, das seine strukturelle Agilität auf die Probe stellt.

Die französische Ausnahme

Frankreich ist für den Übergang zur Elektrizität möglicherweise besser aufgestellt.

Renaults pragmatischer Fokus liegt auf:

  • Bezahlbare Elektrofahrzeuge

  • Partnerschaften im Bereich Batterien

  • Flexible Geschäftsmodelle

Scheint eher mit den wirtschaftlichen Prinzipien der Massenmarkt-Elektrifizierung als mit preisorientierten Strategien übereinzustimmen.

Stellantis präsentiert ein Föderationsmodell, das Plattformen über ein breites Markenportfolio hinweg teilt und gleichzeitig die Markenidentität wahrt. Das Joint Venture mit dem chinesischen Unternehmen Leapmotor verdeutlicht diese pragmatische Anpassung zusätzlich.

Größe allein beseitigt jedoch keine Anfälligkeit. Der Wettbewerbsdruck bleibt hoch.

Das italienische Rätsel

Die italienische Automobilidentität ist nach wie vor tief in Emotion und Kunstfertigkeit verwurzelt.

Ferrari und Lamborghini erfreuen sich weltweiter Beliebtheit, weil sie sich rationaler Analyse entziehen. Handwerkskunst und Tradition rechtfertigen weiterhin Höchstpreise.

Doch die italienische Massenproduktion ist zurückgegangen. Marken wie Alfa Romeo und Lancia stehen vor existenziellen Fragen.

Der Supersportwagensektor ist profitabel, stellt aber nur einen kleinen Teil der globalen Nachfrage dar.

Emotionen allein reichen nicht aus, um ein industrielles Ausmaß zu tragen.

Das nordische Flüstern

Schwedens Entwicklung im Automobilsektor spiegelt den Wandel unter globaler Führung wider.

Volvo, das 2010 von Geely übernommen wurde, hat sich zu einem glaubwürdigen Premium-Konkurrenten im Bereich der Elektrofahrzeuge mit starker Führungsrolle im Bereich Sicherheit und globalen Ambitionen entwickelt.

Doch dieser Übergang verdeutlicht den Homogenisierungsdruck der globalen Märkte.

Saab ist verschwunden. Volvo angepasst.

Die übergeordnete Lehre ist klar: Überleben erfordert zunehmend Größe, Kapital und technologische Integration.

Der elektrische Elefant: Ein Übergang unter Druck

Trotz strenger Regulierungen und kontinuierlicher Investitionen der Hersteller ist die Verbreitung von Elektrofahrzeugen in Europa weiterhin uneinheitlich.

Zu den strukturellen Einschränkungen gehören:

  • Reichweitenangst

  • Lückenhafte Ladeinfrastruktur

  • Hohe Fahrzeugpreise

  • Unterschiedliche Marktreife in den EU-Mitgliedstaaten

Europa ist kein einheitlicher Markt, sondern ein Mosaik aus 27 Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Elektrifizierungsgrad.

Darüber hinaus ist die emotionale Bindung an Verbrennungsmotoren nach wie vor kulturell bedeutsam. Autofahren in Europa ist oft eher identitätsstiftend als rein funktional.

Die Hersteller stehen vor einem heiklen Balanceakt:

  • Subventionierung des Wachstums von Elektrofahrzeugen durch Gewinne aus Verbrennungsmotoren

  • Lobbyarbeit für regulatorische Flexibilität

  • Komprimierung der Absorptionsmarge

  • In der Hoffnung auf eine beschleunigte Akzeptanz durch die Verbraucher

Das finanzielle Risiko ist beträchtlich.

Die chinesische Frage

China war einst Europas größte Chance. Heute ist es seine größte Wettbewerbsherausforderung.

China ist der weltweit größte Automobilmarkt und Produktionsstandort und wird im Jahr 2024 voraussichtlich 30 Millionen Fahrzeuge herstellen, wobei sich die Produktion etwa gleichmäßig auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und Fahrzeuge mit alternativen Antrieben verteilt.

Europäische Marken haben im schnell wachsenden Segment der New Energy Vehicles in China einen dramatischen Rückgang ihrer Marktanteile hinnehmen müssen.

Ausländische Marken, die im Jahr 2020 einst über 60 Prozent des chinesischen Marktes beherrschten, erreichen heute nur noch einen Anteil von etwa 25 bis 25 Prozent.

Insbesondere deutsche OEMs sind mit erheblichen Auswirkungen auf ihre Rentabilität konfrontiert.

Gleichzeitig expandieren chinesische Marken nach Europa:

  • Gründung nationaler Vertriebsgesellschaften

  • Partnerschaften mit etablierten Händlergruppen

  • Sicherung von Designpreisen und Vertriebsreichweite

  • Schnell steigender Marktanteil

Die chinesischen Marken halten zusammen nun etwa:

  • 11 Prozent Marktanteil in Großbritannien

  • 5,5 Prozent Marktanteil in der EU

Die EU-Schutzzölle signalisieren die Anerkennung eines Wettbewerbsungleichgewichts. Paradoxerweise fallen jedoch bei der Wiedereinfuhr einiger in China hergestellter europäischer Elektrofahrzeuge zusätzliche Zölle an.

Chinesische Hersteller bündeln:

  • Strukturelle Kostenvorteile

  • staatliche Unterstützung

  • Schnelle Entwicklungszyklen

  • Tiefgreifende Integration der Lieferkette

Die Frage ist nicht, ob chinesische Marken in Europa weiter wachsen werden. Die Frage ist vielmehr, ob europäische OEMs ausreichend profitabel wirtschaften können, um ihr langfristiges Überleben zu sichern.

Fünf Prognosen für 2031

  1. Mindestens ein großer europäischer Volumenhersteller wird fusionieren, übernommen werden oder den Markt verlassen.

  2. Das für 2035 geplante Verbrennungsverbot wird durch Ausnahmeregelungen für Hybrid- oder synthetische Kraftstoffe modifiziert, verschoben oder abgeschwächt.

  3. Der Markt wird sich in kostenorientierte Massenproduzenten und emotional geprägte Luxusmarken aufspalten. Das mittlere Segment wird verschwinden.

  4. Die Innovationen im Automobilbereich werden sich entscheidend in Richtung Software, Benutzererfahrung und Mobilitätsdienstleistungen verlagern.

  5. Trotz höherer Anfangskosten und Ineffizienz wird sich durch Industriepolitik und Subventionen eine europäische Lieferkette für Batterien herausbilden.

Der Weg nach vorn

Europas Automobilsektor behält seine beachtlichen Stärken:

  • Ingenieurstiefe

  • Globale Marken

  • Technisches Talent

  • Kundenbindung

Der strukturelle Druck ist jedoch unbestreitbar.

Die Hersteller, die überleben werden, sind nicht diejenigen, die am krampfhaft an überholten Modellen festhalten, sondern diejenigen, die in der Lage sind, ein Gleichgewicht zu finden:

  • Tradition trifft Innovation

  • Emotionen gepaart mit wirtschaftlicher Disziplin

  • Europäische Identität und globale Wettbewerbsfähigkeit

Die Materialien mögen sich ändern – von Verbrennungsmotoren zu Elektroantrieben und vielleicht darüber hinaus. Doch die entscheidende Frage bleibt, ob Europa seine automobile Identität bewahren kann, während es in einer Ära wettbewerbsfähig bleibt, die von Größe, Software und Geschwindigkeit geprägt ist.

Das nächste Jahrzehnt wird die Antwort liefern.

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