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Europa am Scheideweg: EU-Vorgaben für Elektrofahrzeuge, Industrierisiken und der Aufstieg chinesischer Automobilhersteller

  • Autorenbild: Paul Bennett
    Paul Bennett
  • 28. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Die europäische Automobilindustrie steht an einem der folgenreichsten Wendepunkte ihrer modernen Geschichte. Die beschleunigte Einführung von Elektrofahrzeugvorgaben in der EU, der zunehmende Wettbewerbsdruck chinesischer Automobilhersteller und strukturelle wirtschaftliche Herausforderungen treffen mit rasanter Geschwindigkeit aufeinander.

Es geht nicht nur um die Einhaltung der Emissionsziele. Die übergeordnete Frage ist, ob Europa seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit bewahren kann, während es einen der ambitioniertesten Energiewandel in der Geschichte des verarbeitenden Gewerbes bewältigt.

Die zentrale Spannung: Klimaambitionen versus industrielle Realität

Die Europäische Union hat den vollständigen Ausstieg aus dem Verkauf neuer Pkw mit Verbrennungsmotor bis 2035 vorgeschrieben. Das Vereinigte Königreich hat sich zu einem noch früheren Zieljahr, 2030, verpflichtet.

Während diese Maßnahmen legitime Klimaziele widerspiegeln, argumentieren Branchenführer zunehmend, dass das Tempo des Übergangs zur Elektromobilität nicht mit den Marktbedingungen übereinstimmt.

Die Herausforderungen sind struktureller Natur:

  • Die Akzeptanz durch die Verbraucher ist auf den europäischen Märkten weiterhin uneinheitlich.

  • Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist uneinheitlich.

  • Die Produktionskapazität für Batterien wird noch ausgebaut.

  • Die Lieferketten der Automobilindustrie erfordern eine umfassende Umstrukturierung.

  • Die Kapitalinvestitionszyklen in der traditionellen Fertigungsindustrie sind lang und komplex.

Europäische Hersteller müssen gleichzeitig:

  1. Gewinnbringende Verbrennungsmotorenbetriebe einstellen

  2. Investieren Sie massiv in Elektrofahrzeugplattformen und Batterietechnologie.

  3. Arbeitsplätze und regionale Produktionsstandorte schützen

Diese doppelte Belastung stellt eine erhebliche Belastung für die Bilanzen dar, gerade in einer Zeit, in der der globale Wettbewerb immer intensiver wird.

Die Merz-Initiative: Streben nach regulatorischer Flexibilität

Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Europäische Kommission formell aufgefordert, den Emissionsrahmen neu auszurichten. Sein Vorschlag lehnt die Dekarbonisierung nicht ab, sondern plädiert für einen technologieneutraleren Ansatz.

Konkret würde der Vorschlag auch über das Jahr 2035 hinaus weiterhin Flexibilität ermöglichen für:

  • Plug-in-Hybrid-Elektrofahrzeuge – PHEVs

  • Elektrofahrzeuge mit erweiterter Reichweite – EREVs

  • Hocheffiziente Verbrennungstechnologien

Das Ziel ist pragmatisch: Emissionsreduzierungen erreichen, ohne die europäische Automobilproduktion zu untergraben oder massive Beschäftigungsstörungen auszulösen.

Diese Intervention signalisiert wachsende Besorgnis darüber, dass eine zu starre Politik die Wettbewerbsposition Europas auf den globalen Automobilmärkten schwächen könnte.

Beschäftigungsrisiko: 13 Millionen Arbeitsplätze im Automobilsektor

Die europäische Automobilindustrie beschäftigt direkt rund 2,3 Millionen Menschen. Unter Einbeziehung der Beschäftigten in der Zulieferkette steigt diese Zahl auf etwa 13 Millionen.

Ganze Regionen in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien sind nach wie vor wirtschaftlich von der Automobilproduktion abhängig.

Ein rascher Elektrifizierungsplan birgt mehrere Risiken:

  • Motoren- und Getriebewerke sind von Veralterung bedroht

  • Qualifizierte mechanische Berufe könnten überflüssig werden

  • Regionale Industriecluster könnten einen konzentrierten Wirtschaftsschock erleiden.

  • Lieferantenökosysteme könnten sich unter verkürzten Übergangszeiten fragmentieren

Anders als softwaregetriebene Branchen lässt sich die Automobilproduktion nicht über Nacht umstrukturieren. Werke, Werkzeuge, Logistiknetzwerke und die Qualifikationen der Arbeitskräfte sind hochspezialisiert und geografisch eng miteinander verbunden.

Ein schrittweiserer Übergang würde Folgendes ermöglichen:

  • Umschulung der Arbeitskräfte in großem Umfang

  • Geordnete Umstellung der Anlage

  • Anpassung der Lieferkette

  • Gesteuerte Kapitalumverteilung

Der derzeitige regulatorische Zeitplan lässt nur wenig Spielraum für eine solche strukturierte Anpassung.

Der chinesische Wettbewerbsaufschwung

Chinesische Automobilhersteller expandieren rasant auf den europäischen Märkten, insbesondere im Segment der Elektrofahrzeuge.

Sie profitieren von:

  • Vertikal integrierte Batterielieferketten

  • Niedrigere strukturelle Produktionskosten

  • Strategische staatliche Unterstützung

  • Speziell entwickelte Produktionssysteme für Elektrofahrzeuge

Aktuelle Marktdaten verdeutlichen diesen Wandel.

Europäischer Marktanteil – Marken in chinesischem Besitz:

  • Mai 2024: 2,9 Prozent

  • Mai 2025: 5,9 Prozent

  • 103 Prozent Steigerung

Marktanteile in Großbritannien – Marken in chinesischem Besitz:

  • November 2024: 5,0 Prozent

  • November 2025: 13,0 Prozent

  • Steigerung um 160 Prozent

Zu den wichtigsten Entwicklungen gehören:

  • BYD errichtet Produktionskapazitäten in Ungarn, weitere Expansionen sind in der Türkei geplant.

  • Leapmotor International eröffnet über Stellantis Produktionsstätten in Spanien

Europäische Hersteller sehen sich nun einer strategischen Zangenbewegung gegenüber:

  • Strenge EU-Vorschriften für Elektrofahrzeuge beschleunigen die Elektrifizierung

  • Chinesische Hersteller sichern sich wachsenden Marktanteil bei Elektrofahrzeugen

Diese Dynamik birgt das Risiko eines Strukturwandels, wenn europäische OEMs nicht in der Lage sind, wettbewerbsfähig und schnell zu wachsen.

Strukturelle Belastungen für etablierte OEMs

Etablierte europäische Automobilhersteller sind mit erheblichen Altlasten konfrontiert:

  • Umfangreiche Produktionsinfrastruktur für Verbrennungsmotoren

  • Gewerkschaftlich organisierte Arbeitsstrukturen

  • Verpflichtungen zur Umstrukturierung mehrerer Werke

  • Umwandlung kapitalintensiver Anlagen

Neue Marktteilnehmer im Bereich der Elektrofahrzeuge und chinesische Hersteller sind nicht durch diese historischen Strukturen eingeschränkt. Sie können ihre Betriebsabläufe von Anfang an auf elektrische Architekturen ausrichten.

Diese Asymmetrie erhöht das Übergangsrisiko und verringert das verfügbare Kapital für Innovationen, Softwareintegration und Mobilitätsplattformen der nächsten Generation.

Das Dezember-Paket der Europäischen Kommission: Ein entscheidender Moment

Es wird erwartet, dass die Europäische Kommission ein umfassendes Maßnahmenpaket veröffentlichen wird, das sowohl die Emissionsziele für 2030 als auch für 2035 behandelt.

Frühere Zugeständnisse hinsichtlich der CO₂-Mittelwertbildung für 2025 zeigten eine begrenzte regulatorische Flexibilität. Das bevorstehende Maßnahmenpaket stellt jedoch einen weitaus folgenreicheren Entscheidungspunkt dar.

Die politischen Entscheidungsträger müssen konkurrierende Prioritäten in Einklang bringen:

  • Klimaambitionen

  • Wettbewerbsfähigkeit der Industrie

  • Beschäftigungsschutz

  • Strategische Autonomie

  • Resilienz der Lieferkette

Das regulatorische Ergebnis wird die europäische Automobilfinanzierungslandschaft, die Produktionsstruktur und die globale Marktstellung über Jahrzehnte prägen.

Weiterreichender wirtschaftlicher Druck

Deutschland und das übrige Europa stehen vor vielfältigen strukturellen Herausforderungen:

  • Demografische Entwicklung der alternden Belegschaft

  • Lücken bei der Modernisierung der Infrastruktur

  • Volatilität der Energiekosten

  • Geopolitische Unsicherheit

  • Langsames Wirtschaftswachstum

Der Automobilsektor bleibt von zentraler Bedeutung für die europäischen Exporte, die Innovationskraft und die regionale Wirtschaftsstabilität. Störungen in diesem Sektor haben weitreichende Folgen, die weit über die Fahrzeugproduktion hinausgehen.

Fazit: Strategische Anpassung oder struktureller Niedergang?

Die Elektrifizierung ist unausweichlich. Im Mittelpunkt der Debatte stehen Tempo, Flexibilität und Wettbewerbsgleichgewicht.

Wenn Europa seine Politik effektiv ausrichtet, kann es Folgendes erreichen:

  • Schutz der industriellen Leistungsfähigkeit

  • Technologische Führungsrolle beibehalten

  • Den Personalübergang verantwortungsvoll gestalten

  • Nachhaltig mit chinesischen Automobilherstellern konkurrieren

Andernfalls droht dem Kontinent inmitten des zunehmenden globalen Wettbewerbs eine beschleunigte industrielle Erosion.

Die anstehenden regulatorischen Entscheidungen werden nicht nur die Zukunft der europäischen Elektrofahrzeuge, sondern auch die langfristige Lebensfähigkeit des europäischen Automobilproduktionsökosystems bestimmen.

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