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Wenn Sie denken, dass die Einhaltung von Vorschriften teuer ist, versuchen Sie es mit der Nichteinhaltung.

  • Autorenbild: Paul Bennett
    Paul Bennett
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Der Spruch „Wenn Sie denken, dass Compliance teuer ist, versuchen Sie es mal mit Non-Compliance“ ist in der Finanzdienstleistungsbranche seit Jahrzehnten bekannt. Doch im heutigen Automobilfinanzierungsmarkt ist diese Aussage keine Theorie mehr. Sie wird in Großbritannien und zunehmend auch in ganz Europa in Echtzeit umgesetzt.


Die jüngsten Entwicklungen im Bereich der britischen Regulierung der Autofinanzierung, insbesondere das Verbraucherbeschwerdeverfahren der Financial Conduct Authority (FCA), zeigen, wie sich einst als „normal“ geltende Praktiken schnell in Verbindlichkeiten in Milliardenhöhe verwandeln können.

Für Autofinanzierungsanbieter in den EU5-Märkten (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien) ist die Lehre klar: Die Kosten der Einhaltung sind vorhersehbar; die Kosten der Nichteinhaltung selten.


Der britische Autofinanzierungsfall: Eine teure Lektion


Der britische Automobilfinanzierungssektor hat sich zu einem eindrucksvollen Fallbeispiel dafür entwickelt, wie sich traditionelle Geschäftspraktiken zu systemischen regulatorischen Eingriffen ausweiten können. Im Zentrum des Problems standen Ermessensprovisionsvereinbarungen (Discretionary Commission Agreements, DCAs), Strukturen, die es Maklern oder Händlern ermöglichten, den den Kunden angebotenen Zinssatz zu beeinflussen und so ihre Provision zu erhöhen. In vielen Fällen wurden diese Provisionen den Kunden nur unzureichend offengelegt oder erklärt.


Die Finanzaufsichtsbehörde reagierte mit einem umfangreichen Verbraucherentschädigungsprogramm, das regulierte Kfz-Finanzierungsverträge im Zeitraum von April 2007 bis November 2024 abdeckt.

Die finanziellen Auswirkungen waren enorm.

Regulierungsbehörden schätzen, dass die Branche mit Folgendem konfrontiert sein könnte:

  • Kundenentschädigungen in Höhe von ca. 8 Milliarden Pfund.

  • Fast 3 Milliarden Pfund an Programm- und Implementierungskosten

Zusammengenommen macht dies die Initiative zu einer der größten Entschädigungsmaßnahmen für Verbraucher in der Geschichte des britischen Finanzdienstleistungssektors.


Doch die wahren Kosten gehen weit über Entschädigungszahlungen hinaus.

Unternehmen müssen nun historische Verträge rekonstruieren, Provisionsdaten neu aufbereiten, Entschädigungen für Millionen von Kunden berechnen und Zahlungen leisten – alles unter strenger behördlicher Aufsicht. Der britische Markt stellt fest, dass die Kosten für die Korrektur vergangener Praktiken in großem Umfang die Kosten ihrer Prävention bei Weitem übersteigen können, sobald Regulierungsbehörden, Gerichte und politischer Druck zusammenarbeiten.


Verbraucherpflicht: Höhere Standards setzen

Der Verbraucherpflichtenrahmen der FCA unterstreicht diesen Wandel der Erwartungen.

Anstatt lediglich die gesetzlichen Mindestanforderungen zu erfüllen, müssen Finanzdienstleistungsunternehmen nun nachweisen, dass ihre Produkte gute Ergebnisse für die Kunden liefern.


Für Anbieter von Autofinanzierungen bedeutet dies ein Umdenken:

  • Produktdesign

  • Preistransparenz

  • Vertriebs- und Provisionsstrukturen

  • Beschwerdebearbeitungsprozesse


Im Mittelpunkt steht nicht mehr nur die Einhaltung technischer Vorschriften, sondern auch, ob die Kunden die Produkte, die sie kaufen, wirklich verstehen und ob diese Produkte für sie geeignet sind.

Dies stellt einen grundlegenden Wandel in der Regulierungsphilosophie dar.


CCD II: Europas nächste Herausforderung im Bereich Compliance

Während Großbritannien bereits die Folgen historischer Praktiken zu spüren bekommt, stehen die EU5-Märkte vor einem eigenen regulatorischen Wandel. Die überarbeitete Verbraucherkreditrichtlinie (CCD II), Richtlinie (EU) 2023/2225, gilt ab November 2026 in allen EU-Mitgliedstaaten. Für Anbieter von Autofinanzierungen bringt die Richtlinie erhebliche Änderungen mit sich.


Zu den wichtigsten Entwicklungen zählen:

  • Erweiterter Anwendungsbereich der regulierten Kredite: Verbraucherkreditverträge bis zu 100.000 € fallen unter den Anwendungsbereich der Richtlinie, einschließlich vieler Leasing- und Mietkaufprodukte mit Kaufoption.

  • Strengere Anforderungen an die Kreditwürdigkeit: Kreditgeber müssen nachweisen, dass die Beurteilungen der finanziellen Tragfähigkeit fundiert sind und dass Verbraucher ihren Rückzahlungsverpflichtungen voraussichtlich nachkommen werden.

  • Strengere Verhaltensregeln: Die Richtlinie verbietet vorausgewählte Kästchen, verschärft die vorvertraglichen Offenlegungspflichten und führt Maßnahmen zur Verhinderung aggressiven Verkaufs oder übermäßiger Verschuldung ein.

  • Stärkere Durchsetzungsmechanismen: Es wird erwartet, dass die Mitgliedstaaten stärkere Aufsichtsinstrumente, Sanktionen und Verbraucherschutzrahmen einführen werden.


Die Für Kreditgeber, die in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien tätig sind, bedeutet dies umfangreiche Aktualisierungen der Kreditbewertungsmodelle, der Dokumentation, der digitalen Prozesse und der Governance-Rahmenbedingungen.


Großbritannien gegen EU5: Gleiche Geschichte, andere Phase

Obwohl Großbritannien und die EU unter unterschiedlichen Regulierungsrahmen operieren, ist die übergeordnete Entwicklung bemerkenswert ähnlich.

In ganz Europa reagieren die Regulierungsbehörden auf Folgendes:

  • Zunehmende Verbraucheranfälligkeit

  • Politischer Druck zur Verbesserung der Finanzgerechtigkeit

  • Verstärkte Überprüfung von Finanzprodukten


Das britische Entschädigungsprogramm für Autofinanzierungsfälle kann daher als Vorbote dessen gesehen werden, was passieren kann, wenn historische Praktiken auf moderne regulatorische Erwartungen treffen.


Für Autofinanzierungsanbieter, die in mehreren Märkten tätig sind, besteht die Herausforderung nicht einfach in der Umsetzung neuer Regeln – sondern in der Angleichung von Governance, Daten und Kultur über verschiedene Rechtsordnungen hinweg.


Die versteckten Kosten der Nichteinhaltung

Wenn Unternehmen über Compliance-Kosten nachdenken, konzentrieren sie sich oft auf unmittelbare Ausgaben: Regulierungsteams, Berichtssysteme oder Rechtsberatung.


Die wahren Kosten der Nichteinhaltung reichen jedoch weit über behördliche Bußgelder hinaus.

Der Fall im Vereinigten Königreich verdeutlicht die vielfältigen Auswirkungen.

  • Finanzielle Auswirkungen: Entschädigungszahlungen und Sanierungsprogramme können die Rentabilität erheblich verringern und die Finanzierungskosten erhöhen.

  • Betriebliche Störungen: Institutionen müssen historische Daten rekonstruieren, Systeme neu gestalten und komplexe Sanierungsprogramme verwalten, die Millionen von Kunden betreffen.

  • Strategische Einschränkungen: Der Fokus des Managements verlagert sich von Innovation und Wachstum hin zur regulatorischen Verteidigung und zum Krisenmanagement.

  • Reputationsschaden: Öffentliche Kontrolle kann das Vertrauen der Verbraucher untergraben und weitere politische oder regulatorische Eingriffe nach sich ziehen.


Im Gegensatz dazu bieten strenge Compliance-Rahmenwerke Vorhersagbarkeit.

Sie helfen Unternehmen außerdem dabei, Vertrauen aufzubauen, Beschwerden zu reduzieren und nachhaltigere Geschäftsmodelle zu entwickeln.


Wie man Compliance in einen Wettbewerbsvorteil verwandelt

Zukunftsorientierte Anbieter von Autofinanzierungen betrachten die Einhaltung von Vorschriften zunehmend nicht mehr nur als regulatorische Verpflichtung. Vielmehr sehen sie darin eine Chance, ihre langfristige Marktposition zu stärken.


Dieser Wandel beinhaltet typischerweise mehrere strategische Änderungen.

  • Transparente Provisionsstrukturen: Ersetzung undurchsichtiger Händleranreize durch klare und gut geregelte Vergütungsmodelle.

  • Erweiterte Bonitätsbewertungen: Nutzung von Daten und Analysen zur Demonstration fundierter Kreditwürdigkeitsprüfungen.

  • Kundenorientiertes Produktdesign: Vereinfachung der Dokumentation und Gewährleistung einer klaren Erläuterung von Kosten und Risiken.

  • Stärkere Governance-Kultur: Verankerung des Verhaltensrisikomanagements auf Vorstandsebene neben dem Kredit- und Marktrisikomanagement.

Unternehmen, die diese Praktiken frühzeitig anwenden, werden voraussichtlich mit geringeren regulatorischen Hürden, einem stärkeren Vertrauen der Anleger und einem größeren Vertrauen der Verbraucher konfrontiert sein.


Der wahre Preis der Konformität

Die Erfahrungen im britischen Automobilfinanzierungssektor zeigen, dass regulatorische Änderungen selten schrittweise erfolgen.

Oftmals beschleunigt sich der Prozess rasant, sobald sich Regulierungsbehörden, Gerichte und politische Entscheidungsträger auf ein Thema einigen.

Die Kombination aus Verbrauchersteuer in Großbritannien und CCD II in der EU signalisiert europaweit einen klaren Wandel hin zu strengerer Aufsicht und stärkerem Verbraucherschutz.


In diesem Umfeld ist der Spruch „Wenn Sie denken, Compliance sei teuer, versuchen Sie es mal mit Non-Compliance“ keine Warnung mehr. Er spiegelt vielmehr die finanziellen und operativen Realitäten wider, mit denen der Automobilfinanzierungssektor heute konfrontiert ist. Für Führungskräfte in den EU5-Märkten stellt sich nicht mehr die Frage, ob sie in Compliance investieren sollen.


Die eigentliche Frage ist, ob man frühzeitig und strategisch investieren sollte – oder später einen weitaus höheren Preis zahlen.

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